Regenbogenfamilien
Queere Familien: Studie zeigt neue Anforderungen an die Beratung auf
Wie sieht eine queere Familie aus? Ergebnisse der Studie «Queere Familien in der Schweiz» zeigen auf, wie divers queere Eltern Familie leben: Freund:innen ziehen zusammen Kinder auf, Kinder haben ein Solo-Elter oder vier Eltern. Was bedeutet dies für die Beratung?
«Queer Baby Boom» in der Schweiz
Queere Personen werden auf unterschiedliche Weise Eltern. Die Ergebnisse der aktuellen Umfrage, «Queere Familien in der Schweiz» (s. Infokasten), zeigen: Wie queere Personen Eltern werden, hat sich im Verlauf der Zeit verändert. Vor 2009 entstanden 70% der Kinder von queeren Eltern, die bei unserer Studie mitgemacht haben, durch Geschlechtsverkehr. Ab den 2010ern haben sich die Wege zum Kind vervielfältigt (s. Grafik): Weniger als 20% der Kinder entstehen noch durch Geschlechtsverkehr, während 40% der Kinder über eine anonyme Samenspende aus einer Samenbank gezeugt werden. Ein Teil der Eltern bevorzugt den aufwändigen Weg zu gehen, das Kind im Ausland zu bekommen. Denn in anderen Ländern sind Methoden legal, die in der Schweiz verboten sind, wie die Eizellenspende (Dänemark) oder die Leihschwangerschaft (Kanada). Solche neuen reproduktiven Technologien ermöglichen mehr queeren Konstellationen Kinder zu bekommen. Dies zeigt sich in den Zahlen: Ab den 2010ern gibt es deutlich mehr Kinder in queeren Familien – einen Queer Baby Boom.

Neben den reproduktiven Technologien sind auch die rechtlichen Fortschritte ein wichtiger Treiber dieses Booms. Im Jahr 2022 wurde nicht nur die «Ehe für alle» legalisiert, sondern auch die Möglichkeit geschaffen für zwei Mütter ab Geburt legale Eltern zu sein, wenn sie eine Schweizer Samenbank nutzen. Mit den technologischen und rechtlichen Fortschritten folgte auch eine erhöhte Sichtbarkeit von queeren Familien: Queere Eltern, die zum Beispiel Co-Parenting als Weg zur Elternschaft wählen, werden zum Vorbild für andere. Ohne Vorbilder ist es für viele schwer sich vorzustellen, dass eine geteilte Elternschaft ausserhalb einer romantischen Beziehung überhaupt möglich wäre.
Fehlender legaler Schutz
Das Schweizer Abstammungs- und Familienrecht ist nicht angepasst auf queere Familienkonstellationen – mit negativen Folgen für die Eltern. So berichten rund die Hälfte der Befragten bereits negative Erfahrungen mit öffentlichen Ämtern gemacht zu haben, etwa im Kontext der Stiefkindadoption oder der privaten Samenspende.
Bei der privaten Samenspende planen zum Beispiel zwei Mütter zusammen ein Kind zu bekommen mit einer Samenspende einer befreundeten Person. Lediglich die Mutter, die das Kind austrägt, wird als Mutter registriert. Die zweite Mutter muss für eine legale Anerkennung ein Jahr warten, Geld zahlen, und verschiedene Überprüfungen durchlaufen, um das ‘Stiefkind’ zu adoptieren. Die Eltern müssen also den Prozess vollziehen, der für eine Adoption eines Kindes einer Partnerperson gedacht ist. Einen Prozess für die Adoption eines eigenen Kindes existiert bisher nicht, eine Vereinfachung der Prozesse wird jedoch in den Räten diskutiert. Unsere Daten zeigen klar, dass queere Eltern den Prozess als diskriminierend, langwierig und teuer empfinden.
Eine weitere Gruppe, die besonders Diskriminierung ausgesetzt ist, ist die Gruppe der trans und nicht-binären Eltern. Unsere Befragten gaben an, dass die Akzeptanz von trans und nicht-binären Eltern in den letzten 10 Jahren kaum gestiegen sei. Ein grosses Problem für die Mehrheit der trans Eltern ist ein falscher Eintrag in der Geburtsurkunde. Trotz einer legalen Änderung des Geschlechtseintrages werden etwa schwangere trans Männer als Mutter eingetragen. Dies zwingt trans Eltern zu einem Outing und setzt sie mehr Diskriminierung aus. Zudem wünscht sich rund ein Drittel einen geschlechtsneutralen Eintrag in der Geburtsurkunde, in der Schweiz gibt es jedoch nur die Optionen Mutter oder Vater.
Bedürfnisse in der Beratung
Viele Themen, welche queere Eltern während den ersten Lebensjahren ihrer Kinder haben, sind dieselben wie bei hetero Eltern: Es geht um Schlafmangel, die Ernährung der Kinder, ihre Erziehung, Gesundheit und Entwicklung. Das Schöne und das Herausfordernde am Eltern-Sein kann für queere Personen jedoch mit zusätzlichen Fragen und Schwierigkeiten verbunden sein: Wie wird mein Kind in der Kita aufgenommen? Wie reagieren die anderen Eltern, wenn sie wissen, dass wir drei Eltern sind? Wo soll oder muss ich mich outen? An welche Beratungsstelle wende ich mich als nicht-binäres Elternteil? Unsere Daten zeigen, dass queere Familien Carearbeit und Mental Load gleichmässiger aufteilen als hetero Paare. Dementsprechend interessieren sich auch Väter und nicht-binäre Eltern für Themen wie Ernährung oder Schlaf, die traditionell den Müttern zugeschrieben werden.
Was sind die Bedürfnisse von queeren Familien? Drei Viertel der Befragten nannten Erfahrungsaustausch mit anderen queeren (Wunsch-)Eltern als wichtiges Bedürfnis. Durch die spezifischen Herausforderungen von queeren Eltern, wie Hürden auf dem Weg zur Elternschaft oder Diskriminierung, brauchen sie Austauschräume, in denen sie diese Erfahrungen teilen und verarbeiten können. Leider fehlen vielen queeren Eltern diese Austauschräume. Die Isolation, die auch zahlreiche hetero Eltern mit jungen Kindern kennen, wird für queere Eltern verstärkt.
Ein weiteres wichtiges Bedürfnis für queere Eltern ist die Rechtsberatung (60%). Aufgrund der vielfältigen Wege zur Elternschaft und der teils mangelnden rechtlichen Absicherung ist eine kompetente Beratung elementar. Einen Einstieg bietet die Broschüre «Regenbogeneltern werden und sein» (Pink Cross et al. 2025). Familienberatungen gibt es beim Dachverband Regenbogenfamilien und Rechtsberatungen für trans Personen beim TGNS. Diese Stellen beraten ebenfalls Fachpersonen. Austausch und Beratung reichen nicht: Rund zwei Drittel fordern den Abbau von Vorurteilen und Hass sowie mehr Repräsentation von queeren Familien.
Es ist daher wichtig, dass Beratende der Frühen Kindheit mit ihrem wichtigen und kostenlosen Beratungsangebot für alle Geschlechter und Familienkonstellationen explizit offenstehen. Für die Eltern, die bereits eine negative Erfahrung gemacht haben, ist die Hürde tendenziell höher, ein solches Beratungsangebot in Anspruch zu nehmen.
Die Umfrage «Queere Familien in der Schweiz»
Dieser Artikel basiert auf der Umfrage des Forschungsprojekts «Queere Familien in der Schweiz» aus dem Jahr 2025. 834 queere Eltern und queere Personen mit Kinderwunsch aus allen Regionen der Schweiz haben teilgenommen – die grösste Anzahl von queeren Familien in einer Schweizer Umfrage bisher. In anderen Umfragen sind queere Familien systematisch unterrepräsentiert, da oft entweder das Queersein oder die Familie untersucht wird – selten die Kombination davon. Um eine möglichst grosse Diversität erreichen zu können, wurden die Teilnehmenden nicht zufällig ausgewählt (Bosshardt et al. 2026). Der ausführlichere Forschungsbericht wird unter anderem auf der Webseite der Studie veröffentlicht.
Autor:innen
Leo Valentin Theissing, MA; Marlon Gmür, BA; Dr. Carole Ammann (Wissenschaftler:innen an der Universität Luzern, Kultur- und Sozialanthropologie)

Links
- Webseite der Studie: https://queerefamilien-forschung.ch/
- Beratung beim Dachverband Regenbogenfamilien: www.regenbogenfamilien.ch/beratung/
- Beratung für trans Personen: www.tgns.ch/de/beratung/
Referenzen
- Bosshardt, T., Theissing, L. V., & Ammann, C. (2026). Mixed Methods Special Issue: Bridging Methods to Capture Complex Family Constellations. Survey Practice, 21(August).
- Pink Cross, Lesbenorganisation Schweiz (LOS), Transgender Organisation Schweiz (TGNS) & Dachverband Regenbogenfamilien (2025): Regenbogeneltern werden und sein. Queere Elternschaft – informiert und selbstbestimmt.